Reisesegen

Weingartner Reisesegen (aufgezeichnet vor 1300)

In nomine + patris et + filii et + spiritus sancti, amen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Ic dir nach sihe – Ic dir nach sendi mit min funf fingirin – funui undi funfzic engili Ich sehe dir nach – Ich sende dir nach mit meinen fünf Fingern fünfundfünfzig Engel
Got dich gisundi – heim dich gisendi Gott sende dich wieder gesund nach Hause
offin si dir diz sigidor – sami si dir diz selgidor Offen sei dir das Tor des Siegs genauso sei dir das Tor des Glücks
Bislozin si dir diz wagidor – sami si dir diz wafindor Verschlossen sei dir das Tor zum Unsicheren genauso sei dir das Tor zu den Waffen
des guotin sandi ulrichis segen – si vor dir Des guten Sankt Ulrichs Segen – sei vor dir
vndi hindir dir vndi hobi dir vndi nebin dir gidan und hinter dir und über dir und neben dir gemacht
swa du wonis – vndi swa du sis überall dort wo du wohnen wirst und wo du sein wirst,
daz da alsi gut fridi si – alsi da weri – da min fravwi damit da ein so vollkommener Schutz sei wie dort war, wo meine Herrin
sandi marie des heiligin Xristis ginas. Sankt Maria die Geburt des heiligen Christus gesund überlebte.


Hermann Künig von Vach in Begleitung von Christine DölleDiese Segensworte wirken auf uns Heutige fast wie eine Chiffre, sowohl in den Formulierungen (mal abgesehen vom althochdeutschen Sprachduktus) als auch was die Zahlen anbelangt, hinter der sich eine eigene Symbolik verbirgt.
Die Figur des Engels als Begleiter erinnert an den Erzengel Raphael, der dem Tobias begegnete und ihn auf seinem Fußmarsch beschützt hatte. (apokryphes Buch Tobit)
Die Zahl der fünf Finger – im Ursprung ebenso wie die Zahl 11 als Symbolzahl des Dämonischen – bekommen die Funktion der Dämonenabwehr, indem sie christlich umgedeutet werden: Die Fünf (3+2 Trinität + Zweinaturenlehre) mal 11 (Zahl der übrig gebliebenen Jünger nach Jesu Tod) bedeuten telegrammartig das Schuldig-Werden an Gottes Neuem Bund, das aber im festen Vertrauen des Pilgers auf Jesu Opfertod zum Segen wird. Die Zahl 55 wird als Vielzahl zu deuten sein im Sinne eines vielfachen Schutzes.
Die Tore sind Metaphern des Durchschreitens oder Bewahrtwerdens in Grenzsituationen. Die Bilder kommen sehr eindeutig aus der Militärsprache.
Mit „Wagindor“ und „Segildor“ könnten jedoch auch Entsprechungen aus der Seefahrt gemeint sein.
Der hl. Ulrich von Augsburg (der erste kanonisierte Heilige!) spielte im Zusammenhang mit der Schlacht auf dem Lechfeld eine bedeutende Rolle als Verteidiger des Glaubens.
Die genaue Plazierung des Segens (vor dir, hinter dir, über dir, neben dir) könnte eine Anleihe von irischen Segenssprüchen sein, die möglicherweis durch keltische Einflüsse auch auf unsere Regionen gekommen sind.
Der Text mündet in eine Aussage zur segensreichen Menschwerdung Gottes in Gestalt der Gottesmutter, die noch heute für viele rechtgläubige Christen die Schar der Fürbittenden anführt. Der hier versprochene Frieden im christlichen Sinne löst die magische Zauberformel ab, die man aus der Handsymbolik noch herauslesen mag. Ob der Ort der Menschwerdung (in diesem Kontext) zwingend als Pilgerziel zu verstehen ist, läßt sich m.E. nur im Nachhinein so deuten, da er für Mitteleuropa erst mit dem Aufkommen der Kreuzugsidee 1095 als solcher betrachtet werden kann.

Der Reisesegen aus dem Leipziger Brevier

Der Reisesegen aus dem Leipziger Brevier mit Canticum Zachariae kann hier heruntergeladen werden: PDF.

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